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Interview mit Heinz-Jürgen Weber, Bürgermeister des Fleckens Steyerberg

Alles für den Klimaschutz

Foto: Gemeinsam für mehr Klimaschutz: Bürgermeister Heinz-Jürgen Weber (re.) und Avacon-Kommunalreferent Johannes Schlemermeyer (© Joachim Lührs/jopri-foto)
Gemeinsam für mehr Klimaschutz: Bürgermeister Heinz-Jürgen Weber (re.) und Avacon-Kommunalreferent Johannes Schlemermeyer (© Joachim Lührs/jopri-foto)

Der Flecken Steyerberg im Landkreis Nienburg/Weser ist die kleinste deutsche Masterplan-Kommune. Wie die Gemeinde mit viel Engagement die Pariser Klimaziele auf dem Land umsetzen will, berichtet Bürgermeister Heinz-Jürgen Weber im Interview.

Porträtfoto von Bürgermeister Heinz-Jürgen Weber (© Joachim Lührs/jopri-foto)
Bürgermeister Heinz-Jürgen Weber (© Joachim Lührs/jopri-foto)

Bereits 1991 ging in Steyerberg die erste Ladestation für E-Autos in Betrieb. Der Klimaschutz hat eine lange Tradition bei Ihnen ...

Das stimmt und hängt insbesondere mit unserem „Lebensgarten“ zusammen, einer „Ökogemeinschaft“, die sich in den 80er-Jahren zusammengefunden hat. Dort liegen die Ursprünge des Klimaschutz-Engagements unserer Gemeinde.

Der Flecken Steyerberg hat das ehrgeizige Ziel, bis 2050 die komplette Versorgung aus Erneuerbaren Energien zu bewerkstelligen und den Ausstoß von Treibhausgasen im Vergleich zum Jahr 1990 um 95 Prozent zu reduzieren. Wie kam es zu diesem Entschluss?

Unser Gemeinderat hat das einstimmig beschlossen. Nun sind wir die kleinste von 41 Masterplan-Kommunen in Deutschland, die sich bereit erklärt haben, die Ziele des Pariser Klimaschutzabkommens bis 2050 zu erreichen. Leider stellen wir schon heute fest, dass 2050 eigentlich zu spät ist und wir mit der Umsetzung schneller werden müssen. Daher ist es mein persönlicher Ansporn, das Thema politisch voranzutreiben. Unsere Generation entscheidet mit darüber, wie die Zukunft aussehen wird. Wir können nicht alles auf die Schultern unserer Kinder und Kindeskinder laden. Auch sie brauchen einen Planeten, der noch bewohnbar ist.

So ein Mammut-Projekt lässt sich ohne gemeinsames Anpacken kaum umsetzen. Wie haben Sie es geschafft, die Bürger ins Boot zu holen?

Man muss selbst Vorbild sein – persönlich wie auch als Kommune. Ich möchte nicht von Bürgerinnen und Bürgern etwas verlangen, das ich selbst nicht bereit bin zu leisten. Deshalb lebe ich im Privaten soweit wie möglich klima- und umweltfreundlich. Und als Gemeinde versuchen wir das ebenfalls umzusetzen. Gemeinsam mit Steakholdern haben wir eine Kooperationsvereinbarung zum Thema Umwelt- und Klimaschutz unterzeichnet. Dazu gehören auch der Lebensgarten sowie der Elektriker oder der Heizungsinstallateur aus dem Ort. Das sind unsere Motoren, die das Thema in der Bürgerschaft voranbringen. Ein weiterer Partner ist dabei Avacon, die uns bei der Umsetzung von Projekten unterstützt. So haben wir beispielweise begonnen, die Straßenbeleuchtung auf LED umzustellen, einen Arbeitskreis installiert, um ein Schullandheim nachhaltiger zu entwickeln, und bieten eine Kaufprämie der E-Fahrzeuge an. In Großprojekten ist Avacon eigentlich immer vertreten. Die Biogas Steyerberg GmbH, eine Tochtergesellschaft der Avacon, beteiligt sich zudem mit der Abwärme an dem größten Fernwärme-Projekt im ländlichen Raum. Dieses planen wir derzeit für den Ortsteil Steyerberg.

Foto: Bürgermeister Heinz-Jürgen Weber (re.) und Avacon-Kommunalreferent Johannes Schlemermeyer (© Joachim Lührs/jopri-foto)
Bürgermeister Heinz-Jürgen Weber (re.) und Avacon-Kommunalreferent Johannes Schlemermeyer (© Joachim Lührs/jopri-foto)

Welche Rolle spielt das Projekt für Ihre Klimaziele der Kommune?

Eine herausragende! Wir werden dabei die industrielle Abwärme einerseits der Biogasanlage und zum anderen von einem Chemieunternehmen vor Ort nutzen, um die Häuser im Ortsteil Steyerberg mit Wärme zu versorgen. Bis Ende 2021 wollen wir alle Grundstücke angeschlossen haben. Zurzeit liegt der CO2-Fußabdruck im Flecken bei 3,5 Tonnen Treibhausgas-Emissionen pro Einwohner. Wenn wir das Projekt realisieren, sinken die Emissionen pro Einwohner auf den Ortsteil Steyerberg bezogen um eine Tonne, auf die gesamte Gemeinde bezogen um 0,6 Tonnen. Dann hätten wir unser Klimaschutzziel 2030 bereits deutlich erreicht – allein mit dieser Maßnahme!

Seit vergangenem Herbst haben Sie den EnergieMonitor von Avacon im Einsatz. Auf der Online-Plattform kann sich jeder über die aktuelle Stromversorgung in der Kommune informieren. Welche Erfahrungen haben Sie damit gemacht?

Das ist ein besonderes Highlight unserer Gemeinde! Wir waren eine der Vorreiterkommunen, die den EnergieMonitor testen durften. Bis jetzt haben wir immer gesagt, bilanziell versorgen wir uns aus 100 Prozent Erneuerbaren Energien. Der EnergieMonitor visualisiert den tatsächlichen Energieverbrauch in unserer Kommune und welche Energien der Flecken dafür nutzt. Das Projekt läuft seit knapp einem Jahr und zeigt, dass wir tatsächlich 93 Prozent Erneuerbare Energien verwandt haben, von Industrie über Privathaushalte, Gewerbe und Kommune. Das ist etwas, das ich zeigen kann und das die Leute auch verstehen, wenn man es bildlich vor Augen hat. Viele Kommunen im Bundesgebiet beneiden uns dafür, dass wir das auf unserer Internetseite zeigen können.

© Joachim Lührs/jopri-foto

Ihre Bestrebung ist es, Steyerberg mit 100 Prozent Erneuerbaren Energien aus Eigenerzeugung zu versorgen. Dennoch bleibt das Stromnetz als Solidarprinzip auch für Sie in Zukunft unverzichtbar ...

Auf dem Land lassen sich mehr Erneuerbare Energie produzieren als in der Stadt. Da kommt für uns der Solidaritätsgedanke zum Tragen – nach dem Motto: „Was wir zu viel produzieren, schicken wir in andere Regionen und Städte, damit die auch Erneuerbare Energien nutzen können.“ Hier wünsche ich mir von den Gemeinden und Städten mehr Anerkennung für diesen Solidaritätsbeitrag, der vom Land kommt.

Ihre Verwaltung ist mit gutem Beispiel vorangegangen und hat an dem Projekt „Smart Rathaus“ der Deutschen Umwelthilfe teilgenommen. Welche Maßnahmen haben Sie konkret umgesetzt?

Wir haben ein Konzept entwickelt, um ein Energiemanagementsystem für alle Liegenschaften der Kommune aufzubauen. Dieses soll uns einen Überblick über alle aktuellen Verbräuche geben – neben Strom auch Wärme und Wasser. Wir wollen unnötige Verbräuche frühzeitig erkennen, um sie abzustellen. Erfahrungen größerer Städte zeigen, dass man durch Verhaltensänderungen oder geringe Investitionen seine Energiekosten um bis zu 20 Prozent pro Jahr senken kann. Angewendet auf unsere Kommune wären 10 Prozent immerhin 30.000 Euro. Das ist eine ganze Menge, wenn ich die eingesparte Summe nutzen kann, um ein neues Projekt zu Gunsten des Klimaschutzes zu initiieren.

© Joachim Lührs/jopri-foto

Sie nutzen Elektrofahrzeuge als Dienstwagen und haben einen Bürgerbus mit Elektromotor in Betrieb. Wie groß ist unter den Einwohnern Steyerbergs die Akzeptanz für diese alternative Mobilität?

Der „Lebensgarten“ macht es vor: Dort werden fünf Elektroautos von 60 Personen genutzt. Die Akzeptanz ist da, aber im Bereich E-Mobilität halten sich immer noch viele Vorurteile. E-Mobile brauchen keine Reichweite von 1.000 Kilometern. Wer hat einen Tisch für 30 Personen in seiner Küche stehen, weil er zweimal im Jahr groß Geburtstag feiert? 90 Prozent der Fahrten sind kürzer als 100 Kilometer – das schafft jedes Elektroauto, sogar mein acht Jahre alter Peugeot iOn. Auf dem Land haben wir den großen Vorteil, dass 90 Prozent der Bevölkerung im Eigenheim wohnen, wo es entweder eine Garage oder einen Carport gibt. Dort kann das Auto über Nacht aufladen. Für längere Reisen gibt es auf Deutschen Autobahnen mittlerweile immer mehr Schnellladesäulen. Es geht mir gar nicht darum, Autos mit Verbrennungsmotoren immer gegen E-Autos auszutauschen. Aber wir müssen Mobilitätskonzepte wie Carsharing umsetzen. Auf dem Land besitzen viele neben dem Zweit- noch das Drittauto. Bei mir im Haushalt fahren meine Frau, mein Sohn und ich elektrisch, aber wir teilen uns zwei Autos.

Sie haben den ungewöhnlichen Weg gewählt, den Flächenverbrauch der Kommune auf null zu reduzieren. Wie stellen Sie trotzdem sicher, dass sie für Zuzügler attraktiv bleiben?

Wir sind eine schrumpfende Kommune. Da muss man sich die Frage stellen: Müssen wir immer neue Flächen ausweisen, obwohl wir weniger werden? Es nützt nichts, tolle Neubaugebiete zu erschließen, wenn der alte Ortskern leer steht. Der zweite Grund ist Nachhaltigkeit: In Deutschland werden jeden Tag über 100 Hektar überplant. Unsere Fläche ist endlich, also lasst uns sinnvoll damit umgehen. Darum haben wir beschlossen, vorhandene Gebäude wieder in Nutzung zu bringen, beispielsweise mit unserem Förderprogramm „Jung kauft alt“. Man kann bei uns bauen, nur wollen wir letztendlich auch sinnvoll mit unserer Fläche umgehen und zeigen, dass es auch schön sein kann, in einem alten Haus zu wohnen, wenn man es aufbereitet.

Weitere Informationen

Elektromobilität in der Region

Für nachhaltige Verkehrskonzepte ist die E-Mobilität ein wichtiger Baustein. Wie sich die Technik in der Praxis bewährt? Wir haben uns im Avacon-Netzgebiet umgesehen. Hier erfahren Sie auch mehr zum ersten Bürgerbus mit Elektroantrieb in Steyerberg.

Angebot von Avacon

EnergieMonitor im Einsatz

Der EnergieMonitor von Avacon visualisiert die Höhe des dezentral eingespeisten Stroms, die Höhe des Verbrauchs sowie den Grad der Eigenversorgung. „Viele Kommunen beneiden uns dafür, dass wir das auf unserer Webseite zeigen können“, berichtet Bürgermeister Heinz-Jürgen Weber. Steyerberg setzte die Plattform als eine der ersten Kommunen ein.

Aktuelles aus der Region

kommunal.info

Unser Magazin kommunal.info bietet einen bunten und spannenden Mix aus Themen wie Energiewende, Gesellschaft und Wandel, Digitalisierung und Neuerungen in der Energiegesetzgebung. Als in der Region von Niedersachsen und Sachsen-Anhalt verwurzeltes Unternehmen beschäftigen wir uns natürlich auch mit der Schönheit des Landes und verraten Ihnen die besten Ausflugstipps in Ihrer Region. Aktuelle News zu Avacon runden die Themenvielfalt vier Mal im Jahr von kommunal.info ab.