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Gesundheitsversorgung: Kreative Konzepte für Kommunen

Konzepte für ländliche Gesundheitsversorgung
© fotolia – PhotoSG

26 Jahre lang versorgte „Der Landarzt“ die Einwohner von Deekelsen, bevor das ZDF die beliebte Fernsehserie 2013 in Rente schickte. Das Verschwinden von Dr. Karsten Mattiesen, Dr. Ulrich Teschner und Dr. Jan Bergmann von der Bildfläche steht durchaus symptomatisch für die Zunft niedergelassener Allgemeinmediziner. Es droht ein massiver Mangel an Hausärzten. Vielerorts suchen Gemeinden bereits händeringend Nachfolger. Allein in Sachsen-Anhalt ist fast jeder sechste Hausarzt älter als 65. Die Landesregierung schätzt, dass 2032 in dem Bundesland 262 Praxen unbesetzt sein werden. In Niedersachsen sind heute schon 365 Stellen vakant. Mehr als ein Drittel der niedergelassenen Mediziner dort wird bis 2030 in den Ruhestand gehen, so die Kassenärztliche Versorgung Niedersachsen (KVN).

Ausgelernte zieht es eher in die Großstädte als in ländliche Regionen und kleinere Städte. Denn das Image der niedergelassenen Ärzte dort ist nicht gerade das attraktivste: überfüllte Praxen, lange Arbeitstage, viel Bürokratie, teils weite Wege für Hausbesuche. Doch Länder und Kommunen haben die Herausforderung längst erkannt – und angenommen. Mit etlichen Maßnahmen wollen Sie die Gesundheitsversorgung sichern.

Landarztquote für die Universität

Damit künftig mehr Nachwuchsmediziner dazu beitragen, die ländliche Gesundheitsversorgung zu sichern, hat die Regierung in Sachsen-Anhalt Ende 2018 beschlossen, eine Landarztquote einzuführen. Bis zu 20 Studienplätze sollen pro Jahr für Kandidaten reserviert werden, die sich verpflichten, nach der Ausbildung im ländlichen Raum tätig zu werden – zumindest für eine bestimmte Zeit. Dafür soll auch die Studienplatzvergabe angepasst werden.

Niedersachsen will 200 neue Medizinstudienplätze schaffen, Allgemeinmedizin zum Pflichtfach machen und den Studenten Mentoren sowie Lehrarztpraxen zur Seite stellen. Darüber hinaus macht das Land Fachärzten den Quereinstieg zum Hausarzt einfacher. Auch Niederlassungsförderungen und Umsatzgarantien sollen mehr Mediziner dazu bewegen, sich in kleineren Gemeinden niederzulassen.

Innovationspreis für Osterburger Medizinstipendium

Nico Schulz Bürgermeister Osterburg
© Privat

Auch Nico Schulz, Bürgermeister der Hansestadt Osterburg im Landkreis Stendal, begrüßt die Landarztquote, hält sie jedoch für nicht ausreichend, um die Ärzteversorgung dauerhaft zu sichern. Darum hat er 2017 in seiner Kommune einen zehn Punkte umfassenden „Leitfaden zur Ärzteversorgung“ initiiert. Um Nachwuchsärzte für eine Niederlassung in Osterburg zu gewinnen, bietet die Einheitsgemeinde Fördermittel für Praxissanierungen, Unterstützung von Zweigpraxen, aktives Standortmarketing, enge Kooperationen mit Universitäten, die Förderung von Telemedizin und Mobilität sowie mietfreien Wohnraum für Medizinstudenten an. Das Herzstück des 10-Punkte-Plans jedoch ist ein Stipendium, das während Studium und Weiterbildung zum Facharzt an drei Absolventen des örtlichen Markgraf-Albrecht-Gymnasiums vergeben wird. Diese verpflichten sich im Gegenzug, anschließend in Osterburg tätig zu sein. Für die Ausschreibung des Stipendiums kürte eine Jury Osterburg nun im Rahmen des Bundeswettbewerbs „Ausgezeichnete Gesundheit 2019“ des Zentralinstituts für die kassenärztliche Versorgung in der Bundesrepublik Deutschland (Zi) als Preisträger der Kategorie „Nachwuchsförderung“. Für die Veranstaltung war Nico Schulz nach Berlin gereist. Dort präsentierte er die Maßnahme in einem Kurzvortrag von nur drei Minuten vor rund 300 geladenen Gästen aus Politik, Ärzteschaft und Forschung, wie er auf seinem Blog berichtet. Aus jeweils drei Nominierungen in vier Kategorien wählten die Anwesenden nach den Impulsvorträgen per Liveabstimmung ihren Favoriten. Mit 66,1 Prozent der Stimmen holte das Stipendienprogramm dabei in seiner Kategorie klar den Sieg.

„Der Innovationspreis ist eine tolle Bestätigung für die gute Zusammenarbeit unserer Stadt mit den ansässigen Ärzten und der Kassenärztlichen Vereinigung Sachsen-Anhalt. Gemeinsam machen wir die Gesundheitsversorgung unserer Einheitsgemeinde zukunftsfähig.“

Nico Schulz, Bürgermeister der Einheitsgemeinde Osterburg

Ärzte und Patienten digital vernetzen

Eine wichtige Rolle spielt innerhalb des Osterburger „Leitfadens zur Ärzteversorgung“ aber auch die Schaffung einer guten Infrastruktur. Die Hansestadt arbeitet dafür an einem Online-Portal, perspektive-landarzt.de. Dieses soll Patienten und Ärzten gleichermaßen als zentrale Informations- und Kontaktplattform dienen. „Mit dem Ärzte-Online-Portal sind wir am Puls der Zeit und präsentieren Osterburg als attraktiven Gesundheitsstandort – nicht zuletzt für potenzielle Arztanwärter“, so Nico Schulz.

Medizinernachwuchs aufs Land holen

Jeyachandru Emanualyanus ist Hausarzt in Brinkum
© Privat

Die Landkreise Nienburg und Diepholz bieten ebenfalls Stipendienprogramme für Medizinstudenten an, die sich bereit erklären, später für eine bestimmte Zeit in den Landkreisen zu praktizieren. Jeyachandru Emanualyanus war einer der ersten, der die Diepholzer Förderung in Anspruch nahm. Rund fünf Stipendien jährlich vergibt der Landkreis seit 2012. Sechs Jahre lang zahlte Diepholz dem gebürtigen Bassumer 300 Euro im Monat. Doch Emanualyanus ging diesen Weg nicht des Geldes wegen. Er wollte ohnehin Hausarzt werden – aus Überzeugung. Inzwischen ist Emanualyanus Teil des Ärzteteams der Praxis von Allgemeinmediziner Jens Niemann in Brinkum, einem Ortsteil der Gemeinde Stuhr.

„Ich möchte nah bei den Menschen sein. Für Gemeinden wie Stuhr sind Hausärzte von zentraler Bedeutung für die Leute und die Gemeinschaft vor Ort. Dazu möchte ich einen Teil beitragen.“

Jeyachandru Emanualyanus, Hausarzt in Brinkum

Innovative Mobilität fördern

Auch innovative Konzepte im Bereich der Mobilität können die Attraktivität von Kommunen steigern und so ein reizvolles Arbeitsumfeld für Hausärzte bieten. Zu diesem Zweck unterstützt Avacon die Gemeindeschwester Christine Müller in der Verbandsgemeinde Arneburg-Goldbeck. Seit Januar 2019 ist die Ärztin der Allgemein- und Notfallmedizin mit einem Renault Twizzy unterwegs. Avavon fördert den kleinen Elektro-Flitzer drei Jahre lang mit rund 90 Euro monatlich. Es ist das erste Mal, dass der Netzbetreiber auf diese Weise eine Arztpaxis unterstützt.

Übergabe des Renault Twizzy an Christiane Müller
Von Links: Peter Stöhr (Lebenspartner der Ärztin), Andreas Kunz von der New Colour Werbeagentur, Ärztin Christiane Müller, Avacon-Kommunalreferent Klaus Schmekies und Lothar Riedinger, Bürgermeister der Stadt Arneburg. © Karina Hoppe.
„Ich möchte mit dem Twizzy ein Zeichen für emissionsfreies Fahren setzen und eine Lanze für die Zukunftsfähigkeit ländlicher Regionen brechen.“

Dipl. med. Christiane Müller, Landärztin in Arneburg-Goldbeck

Der Bund unterstützt ebenfalls zukunftsweisende Mobilitätsprojekte auf dem Land. Dafür hat er Ende 2018 das Programm „LandMobil“ aufgelegt. Es soll helfen, dass ländliche Räume für ihre Einwohner und Unternehmen attraktiv bleiben. Gefördert werden dabei Vorhaben, die modellhaften Charakter haben, neue Ideen aufgreifen und übertragbare Lösungen entwickeln, sodass sie für andere Regionen als Vorbild dienen können.

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