24/7 für Sie erreichbar

Wir sind jederzeit für Sie erreichbar. Wählen Sie hier Ihren gewünschten Kontaktkanal aus.

Stadtarchäologe Tobias Schoo

„Wenn sich das Klima verändert, verändern sich auch die Menschen“

Vernetzt in Lüneburg – Porträt  Stadtarchäologe Tobias Schoo
Der neue Stadtarchäologe Tobias Schoo widmet sich seit Anfang des Jahres den Spuren der Vergangenheit in Lüneburg. Foto: Hannah Heberlein

Erst kürzlich verändert, nämlich beruflich, hat sich Tobias Schoo. Seit dem 1. Januar ist der 29-Jährige nämlich Lüneburgs neuer Stadtarchäologe – und gleichzeitig auch Neubürger. Die aktuellen Vorzüge der Hansestadt muss der gebürtige Nordhorner, der in Halle studiert und zuletzt in Halberstadt gearbeitet hat, zwar noch besser kennen lernen, aber mit der Vergangenheit ist er bereits bestens vertraut. Nicht nur bei seiner Tätigkeit in der Bauaufsicht und Denkmalpflege taucht er tief in Lüneburgs Geschichte ein – auch im Deutschen Salzmuseum und Museum Lüneburg beschäftigt er sich mit Objekten aus früheren Jahrhunderten.

 

Warum sind Sie ein Archäologe geworden?

Ich habe mich bereits in meiner Jugend für Geschichte interessiert und wollte auch erfahren, welche Quellen es gibt, um sich die Vergangenheit bewusst zu machen. Besonders spannend fand ich die archäologischen Quellen und habe mich entschieden, mich diesen im Studium zu widmen.


Bitte beschreiben Sie sich mit drei Worten!

Begeisterungsfähig, wissbegierig und motiviert.
 

Was ist Ihr Lieblingsort in Lüneburg (und Umgebung), um neue Energie zu tanken?

Seit ich hier lebe, hat es viel geregnet, aber dennoch bin ich draußen gewesen und habe den Kalkberg für mich entdeckt. Ein besonders schönes Naturschutzgebiet mit einem tollen Ausblick auf die Lüneburger Altstadt.

 
Und der perfekte Ort, um sich zu vernetzen?

Definitiv das Museum Lüneburg. Durch spannende Vorträge und andere Angebote, an denen ich teilnehmen durfte, habe ich bereits interessante Menschen kennen gelernt.
 

Wem würden Sie am liebsten den Strom für 24 Stunden abdrehen?

Mir selbst. Unsere Welt ist so schnelllebig, man braucht mehr Ruhe und es wäre gut, mal 24 Stunden nicht erreichbar zu sein. Handy oder Laptop mit Akku müssten dann natürlich auch verschwinden.


Das Lüneburger Leitungswasser hat eine spitzenmäßige Qualität. Wie pimpen Sie dieses am liebsten zum Trinken auf?

Wasser am liebsten pur. Ich fülle mir jeden Morgen meine Trinkflasche auf und nehme sie mit zur Arbeit.


Was wünschen Sie sich für das Lüneburg der Zukunft?

Ich wünsche mir, dass wir bei allen notwendigen Veränderungen der Gegenwart, die Vergangenheit nicht vergessen und einen modernen Umgang mit Denkmälern finden. Das kulturelle Erbe darf nicht verloren gehen. Wir müssen es schaffen, die Vergangenheit in das moderne Leben einzubauen.

 
Wie sieht der Arbeitsalltag eines Stadtarchäologen aus?

Ich grabe in der Regel nicht mehr selbst, aber kontrolliere Ausgrabungen. Man findet mich ab und zu auch mal in der Baugrube, aber eher in beaufsichtigender Funktion. Doch kümmere ich mich nicht nur um Bodendenkmäler, sondern auch um die Baudenkmalpflege. Zum Beispiel bin ich in der Verantwortung, wenn in der Altstadt Fenster ausgetauscht werden müssen und dabei einer bestimmten Satzung Folge geleistet werden muss. Zudem prüfe ich bei Bauanträgen, ob mit einer archäologischen Substanz zu rechnen ist. In der Altstadt ist das übrigens fast immer der Fall. An 1,5 Tagen in der Woche findet man mich im Museum Lüneburg, in dem ich mich mit der Sammlung und den Ausstellungen beschäftige.
 

Bauaufsicht und Denkmalpflege, Deutsche Salzmuseum, Museum Lüneburg – wie lassen sich diese Einsatzbereiche miteinander kombinieren?

Es ist eine tolle Kombination, denn auch die Vermittlungsarbeit ist für meinen Job sehr wichtig. Meine Eindrücke und archäologischen Funde von Ausgrabungen kann ich direkt mit ins Museum nehmen und dort präsentieren. In diesem Zusammenhang empfehle ich gerne die Kuratorenführungen, die immer Dienstag bis Samstag von 15 bis 16 Uhr stattfinden.


Welche archäologischen Besonderheiten gibt es in Lüneburg?

Das ist sicherlich die Lamberti-Kirche, die um 1300 erbaut wurde und aufgrund von Senkungserscheinungen 1860 abgerissen werden musste. Dank der Ausgrabung wurde die Baugeschichte der Kirche nachgezeichnet. Gräber und Grabbeigaben konnten außerdem freigelegt werden. Die ältesten Funde der Stadt stammen sogar aus dem 9. Jh. Hinzu kommen zahlreiche Kloaken, Brunnen und herausragende Baudenkmäler aus dem 14.-16. Jh.“


Wie vernetzt waren die Menschen im Mittelalter?

Die Menschen waren besser vernetzt, als wir uns das heute vorstellen können. Sie sind umhergereist, zum Pilgern oder um Beziehungen zu pflegen. Eine Ausstellung des Museums Lüneburg hat 2020 unter anderem gezeigt, welche Objekte dadurch ebenfalls durch Europa gewandert sind. Auch durch den Salzhandel haben die Menschen hier in Lüneburg ein richtiges Netzwerk aufgebaut.


Was ist der größte Unterschied zwischen den Menschen vergangener Zeiten und der heutigen Gesellschaft?

Der Umgang mit Alltagsobjekten. Früher wurde jedes Objekt handgefertigt und hatte einen besonderen Stellenwert. Wenn es kaputt war, wurde es für andere Zwecke genutzt. So wurden Scherben etwa gerundet und zu einem Spielstein umfunktioniert.
Heute schmeißt man sofort alles in den Müll – wir sind zu einer Wegwerfgesellschaft geworden.


Erzählen Sie uns kurz von Ihrem spannendsten Ausgrabungsprojekt …

2019 habe ich mit einem Grabungsteam in Burglahr im Westerwald eine Siedlung und einen spätmittelalterlichen Keller freigelegt, der in den Fels geschlagen war.


Auch die Energie hat eine lange Geschichte … gibt es hierzu Funde in Lüneburg?

Energie hatte in unserer Geschichte immer schon eine große Bedeutung. Feuer diente als wichtige Energiequelle – nur die Technologie des Warmhaltens hat sich verändert und verbessert: Es fing an mit einfachen Feuerstellen, dann kamen Kamine und später Kachelöfen, die im 15./16. Jahrhundert sogar mit einem reichen Bilderschmuck versehen waren. „Auf der Altstadt 29“ wurde zum Beispiel eine Töpferei aus dem 16. Jahrhundert entdeckt. Auch zum Element Wasser gibt es Funde. So lässt sich zum Beispiel eine Wassermühle aus dem 12. Jahrhundert historisch nachweisen. Auch Windmühlen gab es – diese sind allerdings noch nicht ausgegraben.

 
Ihre Gedanken zum Thema „Energiewende und Archäologie“

Es ist eine große Aufgabe, dafür zu sorgen, dass die Archäologie nicht vergessen wird. Überalldort, wo für erneuerbare Energien gegraben wird, sollte das Bauvorgaben archäologisch begleitet werden.


Gibt es eigentlich auch archäologische Daten zum Klimawandel?

Zum vom Menschen gemachten Klimawandel gibt es noch keine. Aber natürlich können wir starke Klimaschwankungen nachweisen, die die Menschen deutlich beeinflusst haben. Im Pessimum der Völkerwanderungszeit wurden es immer kälter. Felder konnten nicht mehr bestellt werden, Menschen sich nicht mehr ausreichend versorgen. Wanderungsbewegungen haben eingesetzt. Funde von Sachkulturen belegen das unter anderem. Wenn sich das Klima verändert, verändern sich auch die Menschen.

 
Worauf freuen Sie sich in Ihrem neuen Job ganz besonders?

Auf die interdisziplinäre Zusammenarbeit im Museum, tolle Ausstellungsprojekte und Lüneburg aus ganz unterschiedlichen Blickwinkeln kennenzulernen.

 

Weitere Interviews

mit Menschen, die Lüneburg Energie verleihen

Vernetzt in Lüneburg – Porträt Sandra Born von KRASS e.V.

Sandra Born

Sandra Born leitet den gemeinnützige Verein KRASS e.V. in Lüneburg. Mit ihrem Team unterstützt sie Kinder und Jugendliche dabei, einen kostenlosen  Zugang zu Kunst und Kultur zu bekommen.

Vernetzt in Lüneburg – Porträt Stefan Hübner, Trainer der LüneHünen

Stefan Hübner

Stefan Hübner trainiert bereits seit 2014 Lüneburgs Volleyballteam, die LüneHünen. Zwar ist der ehemalige Nationalspieler meist in der Sporthalle anzutreffen, aber er genießt es auch, seine Freizeit am Stint, in der Nähe des Wassers, zu verbringen.

Vernetzt in Lüneburg – Porträt Angela Schoop vom Kunstverein Lüneburg

Angela Schoop

Für ihre künstlerische Tätigkeit in der Region ist sie bekannt: Angela Schoop hat schon viele spannende Projekte in der Stadt und auf dem Land umgesetzt. Zudem leitet sie den Kunstverein Lüneburg, über den es Neues zu berichten gibt.